Katharina Stenglein: Aufklärung in Sachen Wolf

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»Rotkäppchen ist Quatsch«

Katharina Stenglein – Aufklärung in Sachen Wolf

»Auf der Domplatte wird der Wolf jedenfalls nicht herumlaufen«, so Katharina Stenglein im April 2021 während einer Veranstaltung in Köln auf die Frage, ob Wölfe denn auch in Innenstädte kommen würden. Wenige Wochen später tummelte sich nachts ein Wolf in Köln-Ehrenfeld und belehrte die Wolfsexpertin des NABU Nordrhein-Westfalen eines Besseren, die damit aber überhaupt kein Problem hat: »Wölfe leben erst seit ein paar Jahren wieder in NRW, wir lernen seither jeden Tag dazu.« Der Quasi-Lockdown mit Ausgangssperre im Frühjahr 2021 habe sicher dazu beigetragen, dem aus der Alpenpopulation stammenden Tier den Weg durch die Kölner City zu ermöglichen. Es sei allerdings nicht ungewöhnlich, dass Wölfe gerne menschengemachte Strukturen wie Straßen oder Bahnschienen nutzen: »Das ist halt deutlich bequemer, als querfeldein und mitten durchs Gehölz zu laufen.«

Lange war es still um den Wolf in NRW, nachdem 1835 in Ascheberg-Herbern (Westfalen) das vermeintlich letzte Exemplar auf nordrhein-westfälischem Gebiet erlegt worden war. Dann kehrten die Tiere zunächst nach Ostdeutschland zurück, im Jahr 2000 wurden erstmal wieder Welpen auf einem Truppenübungsplatz in der Lausitz geboren. Seither breiten sich Wölfe in weitere Regionen in Deutschlands aus, 2009 kam es zu einem bestätigten Nachweis im Kreis Höxter. Nach einer mehrjährigen Pause häuften sich dann die Wolfsmeldungen im ehemaligen Wolfserwartungsland Nordrhein-Westfalen, das mittlerweile wieder zu einer Heimat dieser faszinierenden Wildtiere geworden ist.

Doch wo genau ist der Wolf dort zu finden? Katharina Stenglein präzisiert: »Wir haben derzeit vier ausgewiesene Wolfsgebiete: Je ein Rudel lebt in den Regionen Schermbeck, Oberbergisches Land und Eifel/Hohes Venn, ein bis zwei territoriale Tiere in der Senne. Und die Pufferzone des rheinland-pfälzischen Wolfsgebiets ›Stegskopf‹ reicht nach NRW hinein.« Zudem ließen sich immer wieder einzelne durchziehende Tiere nachweisen.

Frühe Tierliebe

Wie wird frau zur Wolfsfreundin und -expertin? Katharina Stenglein hat sich bereits als kleines Mädchen für Tiere aller Art interessiert – allerdings nicht immer artgerecht: »Ich habe massenhaft Marienkäfer und Regenwürmer in meiner Schreibtischschublade gesammelt, bis meine Mutter fragte, was ich denn da eigentlich mache.« Irgendwann wandte sich ihr Interesse dann den Hunden und Hundeartigen zu, was allerdings auch auf wenig Gegenliebe stieß: »Meine Eltern fanden das nicht so cool.« Später, Katharina Stenglein hatte gerade ihr Abitur gemacht, holte sie sich aus dem Bonner Tierheim einen Hund, in den sie sich zuvor während eines langen Jahres über die Webseite des Tierheims verliebt hatte: »Irgendwann muss man sich ja auch mal durchsetzen.«

Auch da waren ihre Eltern – vor allem der Vater – zunächst nicht begeistert, zumal die große schwarze Hündin (»vermutlich eine Mischung aus Herdenschutzhund, Husky und anderen Rassen«) mit den blauen Augen auf den ersten Blick durchaus respekteinflößend war. Doch schon bald avancierte die rundum sanftmütige Paula zum »Kuschelhund« für die ganze Familie und das Thema war durch. Paula lebt nicht mehr, heute hat Katharina Stenglein zwei ebenfalls nicht gerade schmächtige Hunde – und eine kleine Tochter, die keine Scheu vor großen Tieren kennt: »Sie füttert die beiden ganz gezielt, und die fressen ihr aus der Hand, extrem vorsichtig – was sie bei mir nicht immer sind.«

Hunde und Wölfe

Während ihres Studiums der Biologie und Psychologie an der Universität Bonn vertiefte Katharina Stenglein ihr Interesse am Verhalten von Hunden und Hundeartigen. »Ich habe meine Dozenten gelöchert: Wo gibt es Menschen, die praktisch mit Wölfen arbeiten? «Nach einer eher unbefriedigenden Station im Weserbergland absolvierte sie ein halbjähriges Urlaubssemester im Wolfcenter Dörverden, wo sie in mehreren kleinen Studien Erfahrungen sammeln konnte, notgedrungen mit Gehegewölfen: »Damals klebten an jedem freilebenden Wolf in Deutschland mindestens 20 Forscher:innen.« Ihre Diplomarbeit schrieb sie für das Max-Planck-Institut für evolutionäre Anthropologie in Leipzig – das Thema: »Vergleichende Untersuchungen zur Kooperation bei Europäischen Grauwölfen (Canis lupus lupus) und Haushunden (Canis lupus familiaris). «Obwohl es damals lediglich einzelne Sichtungen gab, gründeten Ehrenamtliche im NABU NRW – darunter auch Katharina Stenglein – bereits 2013 den Landesfachausschuss Wolf. »Da war ich natürlich sofort dabei. Wir wollten schon mit der Informationsarbeit beginnen, bevor die Wölfe endgültig wieder in NRW heimisch wurden«, erinnert sich Katharina Stenglein. Von 2016 bis Ende

2021 arbeitete Katharina Stenglein als hauptamtliche Wolfsexpertin für den Naturschutzverband, unter anderem leitete sie die von der Stiftung Umwelt und Entwicklung geförderten Projekte »Die Rückkehr des Wolfs nach Nordrhein-Westfalen« und »Der Wolf macht Schule«. Mittlerweile ist sie zwar für Innowego – Forum Bildung & Nachhaltigkeit in Sachen Bildung für nachhaltige Entwicklung (BNE) – tätig, das hindert sie jedoch nicht, sich weiterhin für die Rückkehr des Wolfes zu engagieren.

 

Konflikte

Katharina Stengleins Freude über die Rückkehr der Wölfe wird nicht von jedermann und -frau geteilt, auch wenn repräsentative Umfragen regelmäßig eine hohe Akzeptanz mit Zustimmungsraten zwischen 70 und 80 Prozent ergeben. Typisch sei eine Polarisierung: »Entweder ist der Wolf das tollste Tier der Welt oder eine reißende Bestie.« Angesichts der Realitäten sei die Angst vor dem Wolf irrational, was so manche Diskussion erschwere: »Das ist wie mit dem Monster unter dem Bett.« Natürlich gebe es Interessengruppen, die dem Wolf nichts abgewinnen können, doch sogar unter der Jägerschaft sei die Stimmung durchaus geteilt: »Einige befürworten Abschüsse, andere bekunden offen Sympathie für den Wolf.«

Ein reales Konfliktfeld sieht Katharina Stenglein beim Thema Weidetierhaltung. Zwar habe NRW einen Wolfsmanagementplan und entsprechende Förderrichtlinien, nach denen Risse von Weidetieren anhand bestimmter Kriterien zu 100 Prozent erstattet werden. Allerdings müssten nach der Ausweisung eines offiziellen Wolfsgebiets die empfohlenen Schutzmaßnahmen schnell umgesetzt werden, sonst gebe es keine Entschädigung. Zudem würden bei der Prävention nur die Material- und Anschaffungskosten übernommen – bei einem fertig ausgebildeten Herdenschutzhund immerhin um die 6.000 Euro –, nicht aber der Aufbau eines Zaunes oder die laufenden Kosten für den Unterhalt.

»Das bringt viele Betriebe in der ökologisch so wichtigen Weidetierhaltung an ihre Grenzen«, weiß Katharina Stenglein. Der Sektor sei ohnehin nicht auf Rosen gebettet, was jedoch nicht am Wolf liege. »Die überwiegende Mehrzahl der Menschen, die dort arbeiten, hat einen stramm getakteten Arbeitstag und verdient trotzdem deutlich unterhalb der Mindestlohngrenze.« So sei es kein Wunder, dass einige Schäfer:innen hinter vorgehaltener Hand gar nicht so unglücklich über das Auftauchen des Wolfes seien: »Jetzt nimmt man sie und ihre Situation wenigstens öffentlich zur Kenntnis.«

Streuobstwiesen und Rabenvögel

Katharina Stenglein lebt mit ihrer Familie bei Bonn. Hier kann sie weiteren Naturschutzinteressen nachgehen, etwa dem Erhalt von artenreichen Streuobstwiesen in der Bürgerinitiative Siebengebirge. Für den Verein »Tierisch Menschlich« aus Hürth päppelt sie verletzte oder verwaiste Wildvögel auf, insbesondere Rabenvögel. »Die bleiben dann mehrere Wochen und manchmal sogar Monate bei uns«, erzählt Katharina Stenglein, die begeistert ist von der Schönheit und Klugheit dieser Tiere. 2021 beherbergte sie insgesamt 76 Vögel – Elstern, Krähen, Eichelhäher und als Exoten je einen Buntspecht und Halsbandsittich.

Kennt Katharina Stengleins Naturschutzeifer auch Grenzen? Sie überlegt kurz und muss dann lachen: »Ich habe sogar mal einen Erste-Hilfe-Kurs zur Pflege verwaister Fledermäuse gemacht, mich dann aber dagegen entschieden, das weiterzuführen. Die müssen nämlich auch nachts gefüttert werden, und da möchte ich schlafen.« Und was sagt ihr Lebensgefährte zu so viel Engagement? »Der ist bei der Fütterung der Jungvögel mit großem Eifer dabei – aber auch ganz froh, wenn die Vögel wieder in die Freiheit entlassen werden können.«

Aufklären und lernen

Katharina Stenglein ist viel unterwegs, um Aufklärungsarbeit zu betreiben. Mut schöpft sie dabei aus einer Erfahrung, die sie schon oft machen durfte: »Gerade Kinder sind meistens unbefangen, haben keine Angst und sind sehr traurig, wenn ich von geschossenen oder überfahrenen Wölfen erzähle.« »Der tut uns doch gar nichts«, höre sie oft, und eines sei ohnehin klar: »Rotkäppchen ist Quatsch.« Vielleicht sei es eine Generationenfrage, überlegt sie und ist in Sachen Bildung optimistisch: »Der Wolf taucht in neueren Schulbüchern zunehmend als eigenständiges Wesen auf und nicht mehr nur als Urahn unserer Hunde.«

Wölfe üben eine große Faszination aus und bergen noch viele Geheimnisse. Was wollte zum Beispiel der Wolf in der Domstadt? Seine menschlichen Freunde in Ehrenfeld besuchen, einem Hot Spot der Kölner Zivilgesellschaft? »Wohl kaum«, schmunzelt Katharina Stenglein, hat aber auch keine abschließende Antwort. »Wölfe können bei der Partner- und Reviersuche lange Strecken zurücklegen, aber hinsichtlich ihrer Wanderrichtungen gibt es noch viele offene Fragen.« Eines aber sei sicher: »Die Wölfe werden bei uns bleiben und wir sollten ihr Verhalten erforschen, um so ein möglichst konfliktarmes Miteinander gewährleisten zu können.«

Weitere Informationen

=> NABU-Landesfachausschuss Wolf in NRW

=> NABU: Wölfe in NRW

=> Ausstellung: Der Wolf macht Schule

=> NABU – Wölfe in Deutschland

 

=> Übersichtsseite Buch: Mehr Mut zur Nachhaltigkeit

 

 

„Der Wolf macht Schule“ erhält Auszeichnung